Prävention und herausforderndes Verhalten
Eine Auseinandersetzung mit herausforderndem Verhalten in Orientierung am Prinzip der Prävention zielt demnach darauf
- die Entwicklung von (weiteren) Verhaltensproblemen sowie (weiterer) emotionaler und psychischer Probleme und Belastungen bei Schülerinnen und Schülern zu vermeiden bzw. deren mögliches Ausmaß zu reduzieren sowie
- herausfordernde Verhaltenssituationen zwischen Schülerinnen und Schülern untereinander als auch zwischen Mitarbeitenden und Schülerinnen und Schülern in der Schule zu vermeiden bzw. deren mögliches Ausmaß zu reduzieren.
Die Ausrichtung aller Bemühungen hat dabei den Schutz und den Erhalt eines sozialen Kontextes im Blick. Denn soziales Lernen allgemein und konkret die Realisierung nahezu jeder sonderpädagogischen Zielsetzung (z.B. Aufbau von Frustrationstoleranz oder Abbau von Schulvermeidungsverhalten) kann sich nur in der Beziehung mit einem Gegenüber bzw. in einer Gruppe entwickeln.*
Vor diesem Hintergrund agieren Lehrkräfte im Umgang mit herausforderndem Verhalten in einem permanenten Spannungsfeld zwischen „Gewähren lassen und Grenzsetzung“, zwischen „Verständnis und Konfrontation“ bzw. zwischen „dem Vermeiden oder dem Zulassen von Konflikten“.
In erster Linie konkretisiert sich Prävention unserem Verständnis nach daher auf der Ebene der Bewusstmachung. Individuelle Erziehungsprozesse (z.B. der Umgang mit störendem Verhalten im Unterricht) wie auch institutionelle Maßnahmen oder Konsequenzen (z.B. der Umgang mit einer jugendlichen „Raucherclique“) sind so ausgerichtet, dass der soziale Förderrahmen wie auch die persönliche Beziehungsgestaltung nicht grundsätzlich gefährdet werden. Im Fazit dieser Bewusstmachung bedeutet Prävention ein „Primat der Nichtentstehung und der Nichtverschärfung von Eskalation“.
Dies heißt in keiner Weise, dass sich Lehrkräfte in Konflikten nicht auch durchsetzen müssen und dass zum sozialen Lernen nicht auch das Akzeptieren von Grenzen und Konsequenzen gehört.
Gleichwohl liegt der Vorsprung der Erwachsenen darin, dass sie Dynamiken und Mechanismen der Eskalation und Deeskalation kennen und ein abgestuftes Konzept von Maßnahmen der Schule hinter sich wissen. Sie können einordnen, wie Rahmenbedingungen (z.B. Räume, Personalressourcen oder Erwartungsdruck durch Eltern) und aktuelle Faktoren (z.B. eigener Stress oder Gruppendruck auf ein Kind) Situationen beeinflussen, die eskalieren können. Hilfreich sind hier Präventionsprogramme, durch welche pädagogisches Personal im deeskalierenden Umgang mit herausfordernden Situationen geschult werden kann.
Im Umgang mit herausforderndem Verhalten konkretisiert sich Prävention z.B.
- im rechtzeitigen Hinzuholen einer weiteren erwachsenen Person, wenn sich Situationen krisenhaft entwickeln (vs. der Vorstellung „ich muss mich alleine durchsetzen, um meine Autorität zu erhalten“),
- in der zeitlich getrennten Organisation des Schulweges für zwei Jugendliche, die einen massiven Konflikt haben (vs. der Vorstellung „alle müssen immer pünktlich sein und gleichbehandelt werden“),
- in der Organisation einer Zeugnisausgabe, in der alle Zeugnisse individuell und nicht vor der Klasse mit den Schülerinnen und Schülern besprochen werden oder
- in der täglichen Vorstellung eines krisengefährdeten Jugendlichen z.B. bei der Schulleitung, verbunden mit einem kurzen Gespräch, bevor er in seine Klasse gehen darf.
Prävention und Schulentwicklung
Als Ergebnis von Schulentwicklungsprozessen im Kontext herausfordernden Verhaltens richten die meisten Schulen ihr Agieren verstärkt präventiv aus. Mit der Erkenntnis der pädagogisch-inhaltlichen Notwendigkeit (s.o.) ergibt sich für Kollegien bei präventiven Maßnahmen immer die Notwendigkeit, in „Vorleistung“ zu gehen. In Zeiten enger Ressourcen ist es erforderlich Überzeugung, Mut, Zeit, Räume und Personal in präventive Maßnahmen zu investieren.
Christian Drosten (2020) zum Präventionsparadoxon
Gleichzeitig ist dieses „in Vorleistung gehen“ auch im schulischen Kontext effektiv und sinnvoll. Denn: wirksame präventive Bausteine verringern zunehmend die Häufigkeit pädagogischer Situationen, die ihre Entwicklung und Implementierung notwendig gemacht haben.
Die ohnehin im Schulentwicklungsprozess verankerte > Steuergruppe hat dann im Blick, dass immer wieder Haltungs- und Reflexionsarbeit nötig ist, damit präventive pädagogische Bausteine auch in einem sich über Jahre verändernden Kollegium weiterhin für sinnhaft angesehen, angepasst und konsequent umgesetzt werden.
